Als auf dem Finanzmarkt endlich einmal alle verdienten

Die Fremdwährungskredite haben nicht nur hunderttausenden Österreichern viel Geld erspart, sondern auch das System der Kreditvergabe dramatisch verändert.

Die Geschichte der Fremdwährungskredite beginnt im Jahr 1991 - einfach aufgrund der Tatsache, dass sie bis dahin verboten waren. Denn erst in diesem Jahr gibt die Oesterreichische Nationalbank den Österreichern die letzten Freiheiten, die sich ein Staatsbürger von seinen Währungshütern maximal erwarten darf. Wir dürfen seit 1991 Goldbarren kaufen (und nicht nur besitzen). Wir dürfen andere Währungen unbeschränkt einführen und ausführen. Und wir dürfen uns auch in anderen Währungen verschulden.

Die neuen Freiheiten gewährt Nationalbank-Präsidentin Maria Schaumayer, weil es sich für ein selbstbewusst gewordenes Land so gehört und weil es auch bereits ein erster Schritt in Richtung der gemeinsamen Währung Euro ist, was aber damals noch niemand so auffasst. Die neuen Freiheiten werden auch gar nicht exzessiv genützt. Die Österreicher haben sowieso (bis heute) ihre Goldmünzen viel lieber als Goldbarren und von den anderen Fesseln fühlte man sich nicht wirklich eingeengt.

Westösterreicher waren Vorreiter

Die Flut der Fremdwährungskredite begann als Tröpfeln in Westösterreich, und zwar schon lange vor 1991. Dort, wo die Grenzen immer schon viel grüner waren als in Ostösterreich, machten viele Betriebe grenzüberschreitende Geschäfte mit Deutschland oder der Schweiz. Und Export- und Importfirmen durften die Hypos, Sparkassen, Volksbanken, Raikas und Banken immer schon Finanzierungen in den Währungen jener Länder anbieten, mit denen Geschäfte gemacht wurden. Die wichtigste Fremdwährung war bis in die 1990er Jahre die DM, weil das österreichische Zinsenniveau stets um ein bis 1,5 Prozent über dem deutschen lag und der Schilling sich schließlich ab 1980 währungsrisikoschonend endgültig fix an die DM band (nachdem diese Politik immer schon seit den 1950ern verfolgt worden war).

Die Banker in Vorarlberg, Tirol und Salzburg begannen dann schrittweise ab 1991 ihr Geschäft mit den Firmenkunden auszuweiten und stellten ihnen auch Betriebsmittelkredite und Hypothekardarlehen für verschiedenste Verwendungszwecke zur Verfügung.

Der Staat und der Massenbauer

Die kleinen Franken-, DM-, US-Dollar- und Yen-Wellen wurden ab 1995 durch drei Multiplikatoren zur Flut:
- Erstens senkte die japanische Notenbank aufgrund der hartnäckigen Wirtschaftskrise die Zinsen dramatisch und blieb bis 2006 de facto bei ihrer Nullzinspolitik. Das nützte nicht zuletzt die Republik Österreich zur Finanzierung ihrer Staatsschulden und begab eine Reihe von Anleihen im Yen. Der Schweizer Franken bot schon viele Jahre länger eine Zinsersparnis gegenüber dem Schilling und ab 1998 dem Euro und auch diese Währung wurde von den Währungsmanagern der Republik immer gezielter eingesetzt. Und wenn sich das die Republik im großen Stil traute, dann durfte das auch der Bankberater im Kleinen mit seinem Kunden tun. Das war ein gewichtiges Argument.

- Zweitens entdeckte Anfang der 90er-Jahre der findige Finanzberater Johann Massenbauer das Geschäft für den Massenmarkt im Osten Österreichs, indem er die Bank Austria, die Erste oesterreichische Sparkasse und einige Volksbanken dazu brachte, ebenfalls Fremdwährungskredite an die private Klientel zu vergeben.

- Drittens entdeckte österreichsches Wirtschaftsmagazin „Gewinn“ dieses Thema als erstes Medium in Österreich für seine Leser und bereitete es so auf, dass jeder seine Bank mit der Frage konfrontieren konnte, wieso er eigentlich auf fünf Prozent Zinsenersparnis verzichten muss. Solche Ersparnisse waren damals zwischen Schilling- und Yen-Finanzierung möglich.

Unverständnis und Ablehnung

Auf die ersten Gewinn-Artikel reagierten die Banken mit Unverständnis und Ablehnung und speziell Bausparkassen gingen vehement in die Opposition. Viele Leser, die in Bankfilialen Interesse an Fremdwährungsdarlehen bekundeten, riefen entrüstet in der Redaktion an und berichteten, dass es so etwas wie Fremdwährungskredite ja gar nicht gäbe (oder diese verboten oder nur ab zehn Millionen Schilling möglich oder nur für Firmen zugänglich und in jedem Fall viel zu gefährlich wären).

Die Welle war aber nicht mehr zu stoppen, die Kostenersparnis einfach zu groß. Eine Bank nach der anderen begann selbst aktiv Fremdwährungsprodukte in ihre Palette aufzunehmen.

Tilgungsträger statt Annuität

Die Fremdwährungskredite veränderten von da an aber nicht nur die Kreditwährung, sondern auch die Art der Kreditvergabe. In Zeiten vor der Welle war für private Kreditnehmer praktisch ausschließlich die Rückzahlung in gleich bleibenden Raten üblich, also der Annuitätenkredit, wo in die Monatsrate Zinsen und Rückzahlung eingepackt sind. Das hatte aus der Sicht der Bank unter anderem den Vorteil, dass der Kreditnehmer nicht ganz genau weiß, wie viel Zinsen er gerade zahlt.

Die Fremdwährungsdarlehen holten hingegen das für Firmen übliche System der Betriebsmittelkredite auch in die Welt der Privaten: Der Kreditnehmer erhält einen Kontenrahmen, den er ausnützen kann, und für den ausgenützten Betrag zahlt er Zinsen. Die Zinsen sind extrem transparent, als Marktzinssatz (LIBOR) plus dem vereinbarten Aufschlag.

Da Arbeiterkammer und Konsumentenschützer die Intransparenz bei Krediten seit vielen Jahren intensiv bekämpften, kam ihnen dieses neue System gerade recht, und sie setzten ab 1997 durch, dass jeder Kreditzins an ein transparentes Maß gebunden werden muss - auch jeder Schilling- und ab 1998 Euro-Kredit (selbst innerhalb eines Annuitätendarlehens).

Das neue System hatte aber einen gravierenden Nachteil: Die Rückzahlung des Kredits war nicht ins System eingebaut, da es bei Firmen ja durchaus üblich ist, diese Kontenrahmen „auf ewig" ausnützen zu können.

In der Welt der Jahre 1998 bis 2000 war aber genau das eine wunderbare Lücke für Vermögensberater, denn man konnte den endfälligen Kredit nun mit Investmentfonds, fondsgebundenen Lebensversicherungen oder Dachfonds kombinieren und so gleich zweimal ein Geschäft machen. Die Tilgungsträger waren erfunden.

Auswüchse ab 1999

Dass der Fremdwährungskredit ein durchaus erklärungswürdiges und für viele Kreditnehmer sehr riskantes Produkt ist, liegt auf der Hand, und dass die durchschnittliche Beratungsqualität in den Banken damals „unterm Hund" war, bestreitet heute niemand mehr hinter vorgehaltener Hand. Wirklich brutal wurde das Geschäft aber, als Vermögensberater den Spieß umzudrehen begannen: Sie verkauften Technologie-Aktienfonds mit einer Renditeerwartung von 30 Prozent pro Jahr (oder 100 Prozent?) und finanzierten das zu null Prozent im Yen. Bei einem solchen Perpetuum mobile kann man natürlich nie genug Kredit bekommen.

Ab dem 11. September 2001 war dieser Spuk zu Ende. Was aber blieb, waren die Vermögensberater, denen der Fondsvertrieb wegen Kundenfrustrationen zusammengebrochen war und die sich folglich nur noch auf die Fremdwährungskredite konzentrierten. Da auch die Zinsen im Schweizer Franken ab 2002 fast bei null lagen, wurde nun alles auf diese gegenüber dem Euro wenig bewegliche Währung umgeschuldet. Das Volumen an Franken-Finanzierungen wächst seitdem ungebrochen (und Yen-Finanzierungen gibt es kaum mehr, obwohl sie weiterhin ein gutes Geschäft gewesen wären). Entgegen den wiederholten Warnungen der Oesterreichischen Nationalbank (sowie der Bausparkassen und der offiziellen Sprecher des Raiffeisen-Sektors) übrigens, die bei der Europäischen Zentralbank laufend Erklärungsbedarf hat, was denn da in Österreich Franken-mäßig los ist. Schließlich beinhaltet ein stark steigender Schweizer Franken ein Klumpenrisiko für den Bankensektor in Österreich, da viele Banken und Kunden gleichzeitig in Zahlungsschwierigkeiten kommen würden. Die Vergabebestimmungen wurden deswegen in den letzten Jahren deutlich verschärft.

Alle haben verdient, wie gibt's das?

Ende 2006 haben sich die privaten Österreicher rund 50 Milliarden Euro im Schweizer Franken geliehen. Die Neuverschuldung im Schweizer Franken liegt 2006 über den Hypothekardarlehen, die in Euro finanziert werden, und bei einem Mehrfachen der Bausparkassen.

Und Anfang 2007 ist der Schweizer Franken gegenüber dem Euro auf ein komfortables, mehrjähriges Tief gefallen, sodass es zu einer der seltenen Konstellationen an den Finanzmärkten gekommen ist, in der alle in dieselbe Richtung spekuliert und dabei verdient haben. Man konnte über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren sowohl an den niedrigen Zinsen als auch am fallenden Franken verdienen, sodass für hunderttausende Kreditnehmer bis dato sogar eine Nullverzinsung herauskommt, vielleicht sogar eine Schuldenreduktion.

Die Frage, wie es nun weitergeht, stellt sich aber bei einem Euro-Franken-Kurs von 1,61 bis 1,62. Die Schweizer Wirtschaft erholt sich zunehmend, was für einen mittelfristig steigenden Franken spricht, genauso wie die Tatsache, dass jede politische und wirtschaftliche Krise stets eine Flucht in einen - dann steigenden - Schweizer Franken verursacht. Und das ist - Stichwort Iran - ja nicht ganz unwahrscheinlich.

Die goldene Zeit der Fremdwährungskredite könnte also demnächst vorbei sein.

Die Welt der Fremdwährungskredite in Zahlen gegossen

Kreditvolumen in Fremdwährung: 55 Milliarden Euro
Kreditvolumen in Schweizer Franken: ca. 50 Milliarden Euro
Kreditvolumen in japanischen Yen: ca. 1,5 Milliarden Euro
Anteil an allen Krediten an Private: ca. 18 Prozent
Anteil an der österreichischen Staatsverschuldung: 5,5 Prozent